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Auf der Suche nach dem Paradies


Galerie Tenri, Köln
2022


Hanna Styrie



Schein Paradies-Mond Schein III – 2020, Pigmente und Acryl auf Leinwand, 100 x 140 cm





Vermutlich geht es Ihnen dieser Tage nicht anders als mir: wir spüren den Frühling und erfreuen uns an der erwachenden Natur.

Doch die Realität holt uns schnell wieder ein: die Corona-Pandemie ist noch nicht überwunden, und die Bilder vom Krieg in der Ukraine, die wir seit Wochen täglich sehen, können wir auch nicht ausblenden. Wen wundert es da noch, wenn der ein oder andere Fluchtgedanken hegt und sich ganz weit weg wünscht.  Aber wohin? In paradiesische Gefilde vielleicht oder gar auf den Mond?

Catharina de Rijke und Shige Fujishiro haben ihre ganz eigenen Sehnsüchte, die sie uns in dieser Ausstellung hier präsentieren. Kennengelernt haben sich die beiden bei einer Kunstmesse und dabei festgestellt, dass sie trotz oder vielleicht sogar wegen unterschiedlicher Arbeits- und Sichtweisen gut miteinander harmonieren. Diese anregende Doppelausstellung erhält zusätzliche Spannung  durch das Zusammentreffen zweier Kulturen. Und das ist ganz im Sinne von  Tenri, der japanisch-deutschen Kulturwerkstatt, die mit einem vielseitigen Programm Brücken zwischen Japan und Deutschland baut.

Catharina de Rijke ist in Rotterdam geboren, ihre Familie stammt aus der Provinz Zeeland an der Nordküste Europas, die hauptsächlich aus Inseln und Halbinseln besteht. In ihrer Struktur erinnert sie an Japan, das Land, dem sich Catharina besonders verbunden fühlt, auch wenn sie noch nie da war. An den Stränden in Zeeland kann man den ständigen Wechsel von Ebbe und Flut erleben, den der Mond mit seiner Anziehungskraft bewirkt. Und wie ich aus eigenen Aufenthalten weiß, kann man sich dort dem Mond ein wenig näher fühlen als anderswo, und das ganz besonders in einer Vollmondnacht. Kein Himmelsobjekt hat die Fantasie zu kühneren Träumen angeregt. Das liegt an seinen sonderbaren Eigenschaften: er spendet Licht in der Nacht, das nicht sein eigenes ist. Er verändert fortlaufend Größe, Farbe und Form, er kann Ozeane schrumpfen lassen und Fluten herbeiführen. Da wundert es nicht, dass Catharina de Rijke der Magie des Mondes erlegen ist, auf die sie mit künstlerischen Mitteln reagiert – nicht im romantischen Sinne von Caspar David Friedrich, sondern als abstrakte Erscheinung.

In drei Serien  präsentiert sie uns ihre ganz persönliche Sicht auf den „Blauen Planeten“. Sie kennen vielleicht die Redensart „Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt“. Catharina hat bei der Comic-Serie „Die Peanuts“ ein Zitat ähnlicher Bedeutung entlehnt. Das hat der zartfarbigen dreiteiligen Leinwand mit den schwebenden All-over-Strukturen den Titel gegeben: „The moon hasn`t changed, and the dogs are still dogs“ ist ein ironischer Hinweis auf die Beständigkeit des Gestirns.

Bedrohlicher kommen die Gemälde der Serie „Schein Paradies – Mond Schein!“ daher. Hier konfrontiert sie uns mit den Schwarzen Löchern, den sogenannten „Blackholes“, die Materie verschlucken. Die Künstlerin findet dafür einen freien malerischen Ausdruck und ihre  abstrakten Formen bieten Anlass zu vielerlei Assoziationen. Elemente aus dem Tier- und Pflanzenreich glaubt man da zu erkennen, in denen nachtschwarze,  lackartig glänzende und stumpfe Anteile unergründliche Tiefe suggerieren und Kadmiumgelb das Leuchten symbolisiert. Prozesshaft entstehen diese Bilder, in denen Catharina de Rijke Räume des Unwirklichen, Irrealen und Geheimnisvollen kreiert. Dabei bedient sie sich partiell einer fluiden, fast aquarellhaft anmutenden Malweise, die den Bildern Tiefe verleiht.



»Prozesshaft entstehen diese Bilder, in denen Catharina de Rijke Räume des Unwirklichen, Irrealen und Geheimnisvollen kreiert.«




Eine weitere Werkreihe widmet sich den „Moonboxes“, Päckchen, die kleine Kostbarkeiten enthalten und unter dem Motto „Immortalize your keepsake on the moon“, zu deutsch: Verewigen Sie ihr Andenken auf dem Mond“ auf den Mond geschossen werden können. Catharina de Rijke reagiert auf dieses fragwürdige Angebot in ihren Bildern mit reduzierten Gebilden ohne konkret greifbare Form, die  auf der Leinwand ein wunderbar leichtfüßiges Eigenleben entfalten. Mit einer in vielen Jahren fortentwickelten künstlerischen Handschrift zeigt die Künstlerin ihren ganz persönlichen Blick auf den Mond, der uns hier in poetisch-emotionaler Transformation begegnet.

Ganz anders der Japaner Shige Fujishiro, der den Gemälden seiner Künstlerkollegin skulpturale Werke gegenüberstellt, die uns zum Staunen bringen. In einem meditativen Akt und mit einer Geduld und Gelassenheit, wie sie wohl nur Asiaten zu eigen ist, erschafft er wundersame Objekte wie die Kleider, die einen wie eine Rüstung umschließen können. Dabei kommen so banale Materialien wie Glasperlen, Draht und Sicherheitsnadeln zum Einsatz, die er in einer Art plastischer Mosaiktechnik verbindet.„Where is my paradise?“ hat er seinen Part der Ausstellung betitelt. Der Nachbau dieser alltäglichen Dinge, bei dem sein Freund Unterstützung leistet,  ist eine unglaublich mühevolle und langwierige Arbeit, die den Künstler über viele Stunden an sein Atelier fesselt. Dass er dabei gelegentlich sehnsuchtsvoll durch das Fenster nach draußen blickt, kann man leicht nachvollziehen. Liegt dort das Paradies oder in der glitzernden Wunderwelt, die er als Künstler erschafft? „Ich suche immer“ hat Shige mir im Vorgespräch gestanden.

Wir können indes nur bewundern, was wir hier sehen: die detailreiche Festtafel vor uns, den Basketballkorb, dessen Netz an einen Wasserfall erinnert, den aufgebrochenen Käfig neben dem Pavian, der eine Blumenkrone aus Perlen trägt, die rotweißen Absperrvorrichtungen und andere unscheinbare Dinge mehr, die plötzlich ein Hauch von Kostbarkeit umgibt. Das handwerkliche Geschick des Künstlers fasziniert uns ebenso wie sein Ideenreichtum, vor allem aber sein verwirrendes Spiel mit der Wirklichkeit, das uns dazu anregt über Wert und Unwert der uns vertrauten Gegenstände nachzudenken.

Es ist nicht leicht, in diesen bewegten Tagen eine Ausstellung zu machen und zu eröffnen, ohne Beklemmung im Herzen zu haben. Die Kunst von Catharina de Rijke und Shige Fujishiro öffnet uns kurzfristig ein Fenster in eine andere Welt. Nehmen Sie diesen Zustand der Leichtigkeit mit nach Hause. Ich wünsche Ihnen, dass er sie zumindest ein kurzes Stück begleitet und über den Alltag hinweg trägt.





Mark