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Menschenwerk


Galerie Herz Jesu Kirche Leverkusen
2014


Mareike Fänger



Lost Paradise VIII, 2013,
Champagnerkreide, Tusche, Pigmente und Acryl auf Jute, 160 x 160 cm




In einem solchen Raum mit einer ganz eigenen Atmosphäre vor Ihnen zu stehen, um über Bilder einer bemerkenswerten Künstlerin – Catharina de Rijke – zu sprechen, bewegt mich und lässt mich dankbar für diesen intensiven Moment sein. Ich möchte Ihnen zunächst von meiner ersten Begegnung mit Catharina de Rijke im Juli 2014 erzählen.

Wir hatten telefoniert und uns zu einem Treffen in ihrem Atelier verabredet. So fuhr ich von Köln nach Leverkusen und war gespannt auf unser Kennenlernen. Als sie mir ihre Ateliertür öffnete, registrierte ich sofort, dass hier eine sehr achtsame Frau vor mir stand, die genau hinschaut, der Wahrnehmung wichtig ist und die ihrem Gast mit jeder Geste, mit Händedruck und Blick herzlich begegnet. Ich war ihr willkommen und fühlte mich sofort sehr wohl in ihrem Refugium, an ihrem Rückzugs- und Schaffensort – in ihrem Atelier.

Wir waren uns überhaupt nicht fremd, unterhielten uns schon bald über existentielle Grundfragen des Lebens, über Befindlichkeiten, Lebenssituationen, über Krisen, Sehnsüchte, Glücksmomente. An ihrer Pinwand entdeckte ich die Abbildung einer romanischen Klosterfassade, die in ein mildes Licht getaucht war und mich mit ihrem verwitterten Ziegelmauerwerk anrührte. Wir kamen auf Raumerlebnisse zu sprechen, auf Orte, die mit ihrem besonderen Geist oder ihrer Aura ein Gespür für das Dasein vermitteln. Wir entdeckten unsere Vorliebe für die japanische Kultur, teilten unsere Faszination für Räume in Einfachheit, Reduktion, die trotz ihrer Ordnungsprinzipien nicht ohne spirituelle Qualität sind und in ständigem Bezug zur Natur stehen. Die japanische Philosophie führte uns zur Leere, die zugleich Fülle bedeutet. Stille und Schweigen, Innehalten und Reflektieren bewerteten wir beide als wesentlich in unserem Leben. Wir vergaßen die Zeit, hatten bisher noch keines ihrer unter Folien verborgenen Bilder betrachtet. Einem Ritual ähnlich enthüllte Catharina nach und nach ihre Werke vor meinen Augen. Ein besonderes Erlebnis. Sie hatte noch nichts über die Titel verraten, so dass ich völlig frei in meinen Assoziationen war. Mich berührten die ausgewogenen Kompositionen, die überlagerten Farbschichten, unterschiedliche Strukturen. Nach unserem intensiven Gespräch entdeckte ich so viele Spuren von ihr und ihrer Sensibilität in den Bildern wieder - Sehnsüchte, Ängste, aber auch Hoffnung und Aufbruch. Besser hätte ich mir den Zugang zu ihren Werken nicht vorstellen können.


»Mich berührten die ausgewogenen Kompositionen, die überlagerten Farbschichten, unterschiedliche Strukturen.«



In dem ersten Bild (Lost Paradise XV) meinte ich eine verwunschene Landschaft zu erkennen. Die Natur scheint verwundet, verlaufende dunkle Tuschespuren bedecken Farbpartien. Als wirkungsvoller Kontrast dient ein Fleck in lichtem Blau - Düsternis oder Unheil gepaart mit Zuversicht?

Catharina de Rijke stammt aus Rotterdam, ist durch Meer und Weite geprägt. Landschaften sind ihr bevorzugtes Thema. Nicht Landschaften im traditionellen Sinne, sondern innere Landschaften. Bereits Paul Cézanne interessierte weniger die naturalistische Richtigkeit, als vielmehr die Fähigkeit, über die bloße Beobachtung des Sichtbaren hinauszugehen. Er unternahm einen entscheidenden Schritt zur Autonomie des Bildes gegenüber der Natur. Seine Malerei hebt hinter den sich ändernden Erscheinungen die Beständigkeit und das Dauerhafte der Natur hervor. Dabei ist es ihm wichtig, die Natur nicht zu reproduzieren, sondern zu repräsentieren: eine Harmonie parallel zur Natur zu erzeugen, Kunst und Natur zu vereinen.

Catharina de Rijke verwebt ihre persönlichen Vorstellungen, Gedankenwelten und Empfindungen in ihren Kompositionen. Das Medium der Malerei ermöglicht ihr die Realisierung der eigenen Sicht auf die Welt. Durch das Arbeiten mit Pigmenten und Champagnerkreide werden die Farbflächen körperlich, hinterlassen haptische Strukturen – mal meint man sich mit dem Blick in feinen Schlieren oder Schwaden zu verlieren, ganz zarte Spuren ihres Arbeitsprozesses zu entdecken und dann wieder erkennt man die Kraft und Dynamik hinter ihrem Wirken. Es sind die Gegensätze, die die Künstlerin herausfordern.


»Es sind die Gegensätze, die die Künstlerin herausfordern.«



In den hier ausgestellten Bildern setzte sich Catharina de Rijke mit der Atomkatastrophe 2011 in Fukushima auseinander. Nach einem schweren Erdbeben und Tsunamiwellen kollabierten Kühlsysteme im Kernkraftwerk. Hohe Strahlenbelastungen und verseuchtes Wasser sind noch heute die Folge dieses Reaktorunfalls. Die Künstlerin gibt uns in ihrem Bilderzyklus eine Vorstellung von ihrer Gefühlslage, von lähmender Angst und Machtlosigkeit. Dabei vergisst sie aber nicht, einen Hauch von Zuversicht ins Bild zu setzen, als wolle sich die Natur schon bald trotz starker Verwundung ihren Raum zurückerobern.

Kirchliche Räume haben eine besondere Anziehungskraft auf bildende Künstler, denn sie können sich mit ihren Kunstwerken bereits auf eine Atmosphäre beziehen und mit ihr in den Dialog treten. Der Raum, in dem wir uns befinden, wirkt wegen seiner Dimension erhaben, Licht fällt tagsüber durch hoch angesetzte Rundbogenfenster. Der Blick des eintretenden Kirchenbesuchers wird in diesem längs gerichteten Gebäude auf das zentrale Kreuz – als Symbol der Hoffnung für die Gläubigen – an der Stirnwand in etwa 60 m Entfernung gelenkt. Durch die Taufe wird der Gläubige in die Gemeinschaft aufgenommen, findet zu Jesus Christus, der für die Menschen Leiden auf sich nimmt und am Kreuz stirbt, um die Menschheit von der Erbsünde zu erlösen und den Einzug ins Paradies zu gewähren. Damit sind die Phasen der Heilsgeschichte allgegenwärtig: Sündenfall, Geburt Christi, Opfertod, Auferstehung, Jüngstes Gericht, Einkehr in das Paradies.

Horizontereignisse I–V (1998) hat einen prominenten Ort innerhalb des Gotteshauses gefunden, bildet eine Barriere, Sichtblende, verdeckt den Altar. Hier sucht die Künstlerin die Konfrontation mit der Religion. Lange war die Kunst Dienerin der Kirche, Bilder als Wandmalereien der sakralen Architektur einbeschrieben. Erst mit Beginn der Tafelmalerei befreiten sie sich von den Wänden und wurden autonom. Religiöse Architekturen prägen das Glaubensvermögen, bekräftigen mit einer entsprechenden ehrfurchtvollen Kulisse die Lehren der Religion. Schützende Außenwände dämpfen Alltagslärm und ermöglichen Pietät und Stille im Innenraum – die Hinwendung zu Gott.

Die Ausstellung trägt den Titel „Menschenwerk“. Catharina de Rijke tritt hier als Schöpferin eines monumentalen fünfteiligen Werks auf. Sie nimmt uns mit auf eine Reise in ihre Innenwelten, offenbart fünf Stationen ihres Malprozesses, gibt uns Einblick in ihre seelischen Befindlichkeiten.

Horizont ist die sichtbare Linie in der Ferne, an der sich Himmel und Erde oder Himmel und Meer scheinbar berühren. Der geistige Horizont bezieht u.a. Auffassungsgabe und Urteilsvermögen ein. Der Horizont in unendlicher Ferne bietet Orientierung, gibt Halt und Zuflucht, Projektionsfläche für Sehnsüchte und Wünsche. Perspektiven oder Sichtweisen können sich verschieben oder verändern. Jede Leinwand bezeugt einen eigenen Malprozess und eine eigene Stimmungslage. Mal kraftvoll, mal zart aufgetragene Farbschichten beeindrucken durch ihre Materialität. Fugen markieren mit jeder neuen Bildfläche unterschiedliche Lebensphasen, Stationen, womöglich Leidensprozesse und Erlösung.

Ungeahnte Kräfte setzen Energien frei und machen die Künstlerin zur Schöpferin eines Menschenwerks. Hier geht es um den Mensch als kreativen Schöpfer, der - emotional, verletzlich, schwach, unvollkommen, vergänglich – immense Kraft und Energie entwickeln kann, um sich nahezu ekstatisch mit seinem persönlichen Lebens- oder Leidensweg auseinanderzusetzen. Vielleicht handelt es sich um den Findungsprozess, um die Reise zu sich selbst. Die Malerin als Pilgerin.




Mark