Work       Exhibitions       de Rijke       Essays       Press




Interferenzen


TBG Galerie, Bergisch Gladbach
2005


Dr. Heidrun Wirth



Nice to meet you XV, 2018,
Mix medias on canvas, 75 x 50 cm





Diese von Karsten Panzer schön eingerichtete Ausstellung mit Arbeiten von Barbara Szüts und Catharina de Rijke trägt den Titel „Interferenzen“. Von Interferenzen spricht man in der Physik, wenn sich zwei oder mehrere Wellen überlappen oder schneiden, ein guter Titel für eine Ausstellung in einem Technologiepark und zugleich ein guter Titel für den Vergleich zweier Künstlerinnen, von denen durchaus ein eigenständiger Wellenschlag ausgeht.

Catharina de Rijke kommt Rotterdam aus der Nähe zur alten Malerstadt Delft, wo sie in Johannis Vermeer ihre erste große Begegnung mit der Kunst erlebte. Auch ihr Großvater war auch schon Maler und so vertritt die Künstlerin aus Holland heute hier die Westachse. Barbara Szüts kommt aus der entgegengesetzten Richtung, nämlich aus Bad Bleiberg in Österreich. Sie hat bei Carl Unger in Wien studiert. Sie vertritt hier die Ostachse. Man trifft sich in Köln. Beide Künstlerinnen sind in den 50er Jahren geboren und leben fast gleich lange in oder bei Köln, Barbara Szüts seit 1988, Catharina de Rijke seit 1989. Beide können auf eine umfangreiche Ausstellungstätigkeit blicken und beide haben auch schon in Kirchen ausgestellt, von Catharina de Rijke ist gegenwärtig eine Ausstellung in der Herz-Jesu-Kirche in Wiesdorf in Leverkusen zu sehen.

Catharina de Rijke hat in Delft zunächst Design, dann in Paris Kunstgeschichte studiert, aber ihre wirkliche Liebe galt immer der Malerei. Sie hat immer gemalt und schon in Delft die Gruppe „Frisse Kunst“ (Frische Kunst) gegründet.

Als ich ihr Atelier besuche, trete ich in das geräumige Atelier, wo ein bizarrer Zweig einer Palme wie eine riesige Gräte von der Decke hängt und wo mich die Künstlerin in ihrer getupften Arbeitskluft empfängt, die mir sofort klar macht, dass hier gearbeitet wird, dass hier gemalt wird, auch wenn nun im Hintergrund die Musik von Bach zu hören ist. Dann holt sie ihre großen Formate mit den Köpfen, eine Serie, wo, wie sie sagt, das Männliche und das Weibliche vertreten sind, und wo es um Begegnung geht. „Nice to meet you“ ist der Titel dieser im Jahr 1998 entstandenen Bilder mit den markanten Köpfen. Doch es geht nicht nur um die in Umrissen klar erkennbaren Köpfe, sondern gerade auch um den unfassbaren Zwischenraum zwischen diesen beiden Köpfen, wo sich die Konturen auflösen und wo so viel mehr geschehen kann, als wir vielleicht mit einer eindeutigen Linie fassen können. Dieser Schwebezustand zwischen dem, was man fassen kann und eben dem, was nicht oder nicht mehr fassbar ist, bestimmt das Werk von Catharina de Rijke. Mit Vorliebe verwendet die Künstlerin Champagnerkreide, aus der Champagne in der Nähe von Paris, die sich problemlos verdicken lässt. Dadurch entsteht eine haptische Qualität von Farbe auf der weiß grundierten Fläche. Die Farben werden in 2 Schichten aufgetragen, wobei sich immer wieder Transparenzen ergeben. Pinselspuren sind bei den Kopfbildern nicht sichtbar.


»Dieser Schwebezustand zwischen dem, was man fassen kann und eben dem, was nicht oder nicht mehr fassbar ist, bestimmt das Werk von Catharina de Rijke.«




Die Künstlerin bezeichnet sich – in guter holländischer Manier – als Landschaftsmalerin. Früher hat sie aquarelliert, uns zeigt sie nun hier ihre Landschaften, die sich in die Weite auftun. Über einem hellen Küstenstreifen, der an den Dünensand in Holland erinnert, tut sich ein gestisch bewegtes oder auch geheimnisvoll verschwimmendes Mittelfeld auf bis hin zu einem fernen Horizont in hellem Blau. Es ist eine Meereslandschaft mit dem Seesand und dem immer lebendigen Saum, wo sich Wasser und Küste begegnen.

Doch nicht nur die weiten Horizontalen bestimmen ihre Landschaften. Als die Malerin auf Rügen war und die alten hundertjährigen Buchen an der Kreideküste kennen lernte, entstanden Bilder aus Vertikalen, Bilder, in denen es unerwartete weite lichte Durchblicke gibt. Die Landschaft, so sagte sie „stimmte mich ganz euphorisch, so wie mich als Holländerin schon jeder Hügel euphorisch stimmt.“ Aus feinsten Transparenzen besteht das zwei Meter hohe und drei Meter breite Bild mit dem Titel „Water Curtain“ (Wasservorhang). Es ist auf schweres Segeltuch gemalt und hat eine zarte durchsichtige Weite, die an die Seerosenbilder von Monet erinnert. Filigran ist der aus vielen Schichten bestehende Farbauftrag, bei dem das Grau sich wie feine Spitzen mit dem verhaltenen Gelbgrün vermischt.

Ebenso tastend reduziert sind die Papierarbeiten, deren weiße, ineinander verschobene Flächen man sich sofort als Mauern vorstellt. Sparsam, sensibel sind Linien und Farben, lebendig aus den feinsten Differenzen heraus. Schwer zu sagen, was man eigentlich unter Sensibilität, jenem Mitschwingen aller Sinne, versteht, aber wenn Sie die Bilder von Catharina de Rijke betrachten, werden Sie verstehen, was man damit meinen könnte.

Nun ist es an Ihnen als Betrachter und Betrachterinnen, diese Interferenzen zwischen beiden Künstlerinnen Werk für Werk festzustellen. Vielleicht finden wir, mit allem Vorbehalt gesagt, bei Catharina de Rijke (auf der Westachse) die Nähe zur Natur und das Ringen um eine authentische Wahrnehmung und bei Barbara Szüts (auf der Südostachse) die Nähe zur Kultur und damit zu einer Sinnsuche, die ebenfalls über das Empirische hinausgeht. Hier in der Mitte im Technologiepark in Bergisch Gladbach kommt in dieser Ausstellung beides zusammen.




Mark