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Horizontereignisse


1997


Uta M Reindl



Horizontereignisse III, 1995,
Acryl auf Leinwand, 100 x 200 cm





Erlauben Sie mir eine Vorbemerkung: Wir leben in Zeiten mit allen Freiheiten – wüssten wir nur damit umzugehen! Niemand kann uns vorschreiben, wie wir leben, niemand kann uns diktieren, was und wie wir die Dinge verstehen oder sehen. Das gilt für das Verständnis von Literatur, Musik, Theater, und natürlich auch für das der Bildenden Kunst. Die Freiheit fordert aber ihren Preis, nämlich die Aufgabe jeder Sicherheit in der Deutung, damit sich ungeheure Horizonte eröffnen mögen - für den Betrachter, für den Künstler, um frei von bindenden Begriffen oder Vorstellungen zu ganz individuellen, oft zu ebenso neuen Sehweisen zu kommen.

Was das mit der Malerei Carla de Rijke zu tun hat? Sehr viel. Es wäre nämlich eine reichlich absurde Herangehensweise an ihre weitgehend abstrakten Bildwelten, wollte man sich darin auf präzise Bezüge zur Realität berufen, und würden beispielsweise auf der Landkarte exakt den geographischen Ort der Küste in dem gleichnamigen und hier ausgestellten Triptychon ermitteln. Carla de Rijke – so habe ich sie und ihre Bilder verstanden – will alles andere, als den Betrachter in seinen Erwartungen an die Kunst als einer beschönigenden Reproduktion von Wirklichkeit bestätigen. Sie lädt ihn auf das Abenteuer ein, in ihren Bildlandschaften neue Horizonte zu erschließen. Der Ausstellungstitel "Horizontereignisse" dürfte daher kein Zufall sein. Mehr noch: Carla de Rijke arbeitet an der malerischen Behauptung, dass Wagnis und Reibung Voraussetzung für die Kunst ist. Dazu passt ihre Erklärungen im Atelier zu ihren grundsätzlichen Erfahrungen im Schaffensprozess: "Während des Malens", so Carla de Rijke", verspüre ich immer wieder einen Bruch und stoße auf schon dagewesene Harmonie. Diese Form von Zufriedenheit macht mir dann sehr zu schaffen, folglich fasse ich Entscheidungen zu, die sich selbst provozieren".

Weitere Anmerkungen über die Eigenheiten dieser Malerei – meist sind es Landschaften – aus unserer Umgebung, aus Carla de Rijkes Heimat oder aus Korsika beziehungsweise Elba-, die zu den farbintensiven Gemälden anregt haben. Hier wie auch in Bildern mit anderen Sujets – wie Gräser, Blumen, Körper von Menschen und Tieren – konzentriert sich und abstrahiert die Malerin farblich-formal dergestalt, dass sie mit meist klar aufgebauten und in der Farbskala reduziert gehalten Flächen oder –bahnen präzise Akzente setzt.

Anstelle der sinnlich gegebenen Realität ist es schon fast eine übersinnliche Deutung, die die Malerin in den oft mit beiden Händen geschaffenen Bildwelten vornimmt und gleichzeitig suggeriert, etwa von der Wildheit der schäumenden Gischt oder der im Wind bewegten Natur wie in dem schon erwähnten Küstenzyklus oder aber im Kontrast dazu in anderen Bildern von der idyllischen, leicht melancholischen Stille der mediterranen Insellandschaften, die in dieser Ausstellung nicht zu sehen sind. Wer sich auf diese Bildwelten ganz einlässt, vermag die jeweilige Atmosphäre vielleicht sogar körperlich zu spüren.



»Wer sich auf diese Bildwelten ganz einlässt, vermag die jeweilige Atmosphäre vielleicht sogar körperlich zu spüren.«




Und nun zu den Veränderungen, wie ich sie in der Malerei Carla de Rijkes beobachtet habe. Die aus meist warmen Tönen gestalteten Farbformationen werden in den neueren Arbeiten oft gebündelt: entweder im oberen Bildbereich durch massive, weil aus dunkleren Tönen bestehende Farbbahnen die wie ein schwerer Horizont auf den unteren Formationen lastet. Andere Flächen durchzieht eine schmale dunkle oder gar schwarze Linie – fast wie ein Nerv, eine Wirbelsäule oder eine Ader. Besonders in jüngeren Gemälden – wie jene diese Ausstellung benennenden Bilder "Horizontereignis" – ist sie ein wiederkehrendes Moment, und mit ihr scheint sich – wiederum im Vergleich zu frühen Arbeiten der Malerin - die Kompaktheit der Farbfelder aufzulösen: die übereinander aufgetragenen Farbschichten sind transparenter geworden, lassen häufiger den Blick auf Schichten darunter oder gar auf die Leinwand zu. Es eröffnen sich Räume im Bild.

Ebenso ist der Gestus der Pinselstriche in den neueren Bildern bewegter und leichter, insgesamt malerischer geworden. Carla de Rijkes Herkunft aus der Textilgrafik, was sich in den frühen Arbeiten unter anderem in eher kompakten, mitunter gespachtelten Farbkompositionen abzeichnete, scheint ihre Malere immer weniger zu bestimmen. Inzwischen entwickelt sich auf den meist großformatigen Leinwänden und Papiergründen die Acrylfarbe mitunter pastos, im Grunde deutlicher hin zur Dreidimensionalität, zum Skulpturalen. Analog zur Befreiung vom Gegenständlichen hat sich Carla de Rijke in ihren Gemälden in den letzten Jahren von der Isoliertheit des Einzelbildes losgelöst. Inzwischen – als ob die jede Grenze überschreitenden Horizontereignisse danach verlangten – arbeitet die Malerin in Bildserien oder Zyklen, die hintereinander entstehen und genau in diesen Konstellationen rezipiert wird - ganz wie die Abfolge musikalischer Kompositionssequenzen.

Dieser Vergleich mit einer anderen künstlerischen Disziplin – der Musik – führt ans Ende meiner kleinen Einführungsrede, weil ihnen nun die Musik die Malerei von Carla de Rijke nahebringen wird. Sie hören jetzt eine Komposition von Hans Günter Ulrich, die speziell für den von mir mehrfach angesprochenen und 1996 entstandenen Gemäldezyklus "Küste" geschaffen wurde. "Horizontfrequenzen" heißt die 90-minütige Komposition in Anlehnung an den Ausstellungstitel und lässt Sie, meine Damen und Herren, nun alle Farben und Formen der Malerei auch über die Ohren erfahren – und damit gar jene von mir anfangs erwähnte Horizonterweiterung? Ich kann es ihnen in diesem Sinne nur empfehlen:

Lassen Sie sich auf dieses Abenteuer ein! Nehmen Sie sich doch die Freiheit!




Mark